Halle an der Saale

Mit Halle an der Saale verband ich bis jetzt zwei Sachen:

- Ein Verwandter von mir hatte dort eine Zeit lang gewohnt. Als er zurück nach Berlin zog, war er depressiv.

- Um die Wendezeit sahs dort richtig beschissen aus und es gab eine Menge Neonazis. Das zumindest hat mir der Film „Stau“ gezeigt, und ich hatte eigentlich keinen Anlass, daran zu zweifeln.

Zeit also, den Selbsttest zu machen. Ein kurzer Abriss der Highlights vom Samstag:
14:00 am Zug in Leipzig: neben mir steht Familie Flodder, nur dass die Mutter – der im Film optisch sehr ähnlich – ein „White Power“-Shirt trägt, der Sohn sich noch nicht entschieden hat ob er Krake (schwarze Militäry-Hose, Camouflage-Parka) oder „Autonomer“ (Basecap mit geschätzten 20 Buttons) werden will. Zwei Töchter (13 und 16, denke ich) und ein Kinderwagen, bei dem nicht klar ist, wer jetzt die dazugehörige Mutter ist. Der Sohn unterhielt das Zugabteil mit einem Songspektrum zwischen Rechtsrock und Apres Ski-Best of und Mitsingen.
14:15 im Zug: Die Schaffnerin macht mich darauf aufmerksam, dass die Fahrkarte schon auf dem Bahnsteig hätte gelocht werden müssen, ist schließlich eine S-Bahn und kein Regionalzug. Auf meinen Einwand, dass ich das nicht gewusst hätte, weil ich nicht aus der Region bin, darf ich mir die Geschichte ihres letzten Urlaubs in Rom anhören, und dass die Kontrolleure da auch keine Rücksicht auf ihren Touristen-Status genommen hätten. (Erst später fällt mir ein, dass in Rom aufgrund von Drehkreuzen das Fahren ohne entwerteten Fahrschein nur möglich ist, wenn man es mutwillig tut. Die Schaffnerin hat mich verarscht.)
14:40 in Bahnhof Halle: Eine schwarze junge Frau in der Wartehalle wird von zwei Bundespolizisten verdachtsunabhängig kontrolliert. Während der mindestens halbstündigen Prozedur versammeln sich um die Kontrolle 5 weitere Polizisten und 4 Bahn-Securities. Scheinbar ist hier sonst nichts los.
17:00 Kaufland Halle: Der etwa vierzigjährige Herr vor mir schert sich scheinbar nicht um die Konflikte, die die Nazi-Firmen „Thor Steinar“ (Jacke und Hose) und „Eric & Sons“ (Basecap) untereinander austragen. Sein Basecap ziert zudem ein „Good Night Left Side“-Button. Weitere illustre Exemplare seiner Sorte begegnen mir auf dem Weg nach draußen.
22:00 Bahnhof Halle: Während ich auf meinen Zug zurück nach Leipzig warte, scheinen Leute von einem Fußballspiel zurück zu kommen. Sie verabschieden sich – wie es sich gehört – mit Hitlergruß von einander.
22:15 im Zug: Der Schaffner auf der Rückfahrt (Alt-Rocker mit „L.Ulrich“-Namensschild) hat den Tag noch etwas gerettet.


3 Antworten auf „Halle an der Saale“


  1. 1 lieschen 05. November 2008 um 18:28 Uhr

    Und wat sagt dir dit? Hinter Berlin ist die Welt zuende.

  2. 2 nkotb 06. November 2008 um 3:43 Uhr

    da hast du ja so ziemlich sämtliche verschiedene ( oder doch nicht?) eindrucke mitgenommen, die man aus glatzen-anhalt kriegen kann. wobei: sei froh, dass du nicht noch in ne schlägerei verwickelt wurdest. wärst du nach magdeburg gefahren, wär die story wohl kaum anders geworden…

  3. 3 Tapete 06. November 2008 um 16:16 Uhr

    ohne Zweifel.

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