Der VS-Bericht

Mir scheint es als wäre der lustige Berliner VS-Bericht über „Linke Gewalt“ noch nirgendwo richtig auseinandergenommen worden. Deshalb hier ein paar Aspekte aus dem Bericht. (Teil 1)

Grafik 1:

Zuerst etwas zur Grafik:
Der gelbe Bereich zeigt die Landfriedensbruch-Delikte (28%), der graue „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“ (7%). Wir wissen doch alle, wie leicht man so einen Vorwurf drankriegt. -In der Demo verhaftet wegen verknoteten Transpis, Stahlkappenschuhen oder einem „falschen“ Slogan, eine Anzeige gegen eine brutale Verhaftung gestellt, eine Landfriedensbruch- oder Widerstandsanzeige ist schnell geschrieben und kann auch leicht mit 3 loyalen Kollegen vor Gericht belegt werden. Diese 35% der „linken Gewalt“ sind daher mit Vorsicht zu genießen.
Dann lassen wir uns mal den orange unterlegten Text auf der Zunge zergehen:

Delikte des Landfriedensbruchs haben einen eher stabilen Anteil an der linken Gewalt in Berlin, zwischen 22 % (2008) und 36 % (2004) bzw. zwischen 28 und 48 Taten im Jahr. Körperverletzungsdelikte machten zwischen 2003 und 2006 stabil zwischen 35 und 41 % der Delikte aus, bevor ihr Anteil 2007 und 2008 deutlich zurückging (auf 17 % bzw. 22 %). Die
absolute Anzahl der Körperverletzungsdelikte schwankt zwischen 31 (2007) und 53 (2004). Zurückgegangen ist das Delikt Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, von 12 % (2005) auf 9 % (2008), das allerdings häufig in Verbindung mit schwerwiegenderen Delikten begangen wird und deshalb in diesen Fällen nicht gesondert gezählt wird.

-Landfriedensbruch hat einen „stabilen Anteil“? Wohl eher um mehr als 30% gesunken, oder?
-Körperverletzung ist von 35%/41% auf 17%/22% um etwa 50% zurückgegangen
-selbst Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, also der, wie oben beschrieben, beliebig gegen Verhaftete einsetzbare Vorwurf, ist um 25% zurückgegangen.
Dass diese Rückgänge sich, nicht nur aufgrund der gerade modischen Autoanzünderei, auch im Rückgang der absoluten Zahlen (z.B. Körperverletzung 53 (2004) auf 31 (2007)) und nicht nur der prozentualen ausdrücken und warum das so ist, wird nicht analysiert. Hier geht es halt nicht um einen nüchternen Blick auf die Zahlen, sondern um eine Wegbereitung für politische Kampagnen gegen Linke.

Nächstes Zitat:

Fast jede zweite linke Gewalttat ereignet sich im Zusammenhang mit Demonstrationen (371 von 835 Delikten, 44 %).19 Die Deliktverteilung bei Demonstrationen unterscheidet sich deutlich von der Gesamtverteilung. Das hervorstechende Delikt im Kontext von Demonstrationen ist der Landfriedensbruch (50 %). Im Vergleich zur Gesamtheit linker Gewalt umfassen demonstrationsbezogene Gewalttaten öfter Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

Aha. Jede zweite „linke Gewalttat“ im Zusammenhang mit Demonstrationen. Da kann der VS ja regelrecht froh sein, dass in Berlin so viel demonstriert wird, sonst hätten sie ja garkeine Zahlen mehr für ihre „Gewalt“-Statistik. Die Hälfte davon wiederum ist der Landfriedensbruch. Ist ja auch klar, wo sonst kann man unerlaubterweise Transpis zu hoch halten oder eine Fahne tragen, deren Stock ohne den Stoff dran mit etwas Phantasie auch ein Knüppel sein könnte.

Spannend wird es wenn es um gezielte Gewalt, also „Gewalt gegen rechts“ geht. Da hat der VS wahrscheinlich ein bisschen Schiss, dass das Übel nicht mit den Linken Stammkiezen, sondern mit rechten Ballungsräumen zusammenhängen könnte. Damit also nicht Lichtenberg die Statistik dominiert und vor Friedrichshain (38), Prenzlauer Berg (28) und Mitte (18) rutscht, wurde der Bezirk kurzerhand dreigeteilt. Es gibt jetzt also Rummelsburg (15), Lichtenberg (14) und Friedrichsfelde (13). Zusammen sind das im Gesamtbezirk (also wenn man mal die Hohenschönhausener Fälle wegdenkt) 42 Fälle. Da sehen selbst die Friedrichshainer alt aus.
Wie „Gewalt gegen rechts“ jetzt politisch zu bewerten ist, macht der VS am Ende der Studie deutlich: Mit einem Vergleich zwischen linker und rechter Gewalt, der nicht selten zu einer Gleichsetzung wird. Aber ganz so kann das nichtmal der VS stehen lassen und so stellt die Berliner VS-Chefin in einem Interview klar:

„Andererseits haben wir bei Linken noch nicht erlebt, dass sie so brutal auf ein Opfer eintreten, wie es Rechtsextremisten im Juli in Friedrichshain taten. Einen Bordsteinkick gibt es bei Linken nicht.“

Das reicht natürlich nicht zu der Einsicht, dass es einen grundlegenden Unterschied dazwischen gibt, ob man (als Neonazi) Menschen, weil sie links, schwarz, schwul oder jüdisch sind, in letzter Konsequenz sogar töten, oder eben (als Linker) die Neonazis daran hindern will.

Zum Schluss noch die wahrscheinlich überraschenste Erkenntnis des Berichts:
Der Sonnabend ist „der am stärksten von linker Gewalt betroffene Tag“.

Danke dafür.


7 Antworten auf „Der VS-Bericht“


  1. 1 ganzen bericht klicken 24. November 2009 um 21:30 Uhr

    VS- NRW Comic gegen Linksextremismus

    Seit kurzem hat der Verfassungsschutz NRW einen neuen “Andi”-Comic herausgebracht, der sich dieses mal mit dem Thema “Linksextremismus” auseinandersetzt. Dabei werden unter Anderem Begriffe wie Kommunismus, Anarchismus und Weitere “erklärt“. Oft sind diese Erklärungen aber einfach falsch und werfen ein sehr schlechtes Bild auf die jeweiligen Ideologien und ihre Anhänger. Der Staat will mit diesem Comic jungen Menschen bereits in der Schule suggerieren, dass es nichts Besseres gäbe als das jetzige System.

    […]

  1. 1 classless Kulla » Blog Archive » Zahlen und Schlüsse Pingback am 23. November 2009 um 14:26 Uhr
  2. 2 Zahlen und Schlüsse « meta . ©® . com Pingback am 23. November 2009 um 23:50 Uhr
  3. 3 VS-Bericht 2009 « i love you but i‘ve chosen disco! Pingback am 24. November 2009 um 1:08 Uhr
  4. 4 Brunnenstraße 183 geräumt – Hausprojekte kriminalisiert « Linienstraße 206 bleibt! Pingback am 30. November 2009 um 22:47 Uhr
  5. 5 Brunnenstraße 183 geräumt – Hausprojekte kriminalisiert « streetart supports squats&co Pingback am 01. Dezember 2009 um 15:36 Uhr
  6. 6 Mal genauer hinschauen… « try again. fail again. fail better. Pingback am 02. Dezember 2009 um 18:00 Uhr
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