Der VS-Bericht – Beitrag 2

Der Beitrag geht ein bisschen durcheinander, weil verschiedene Themen sich durch den gesamten Bericht ziehen. Sie tragen aber alle dazu bei, das ganze etwas zu relativieren:

Zuerst etwas Kopfrechnen:

Der VS zählt für das Jahr 2008 169 linke „Gewalttaten“. Davon sollen 48%, also 81 Zählungen Brandstiftungen sein. Für das Jahr 2009 heißt es heute in der „B.Z.“:

Seit Jahresanfang sind in der Hauptstadt mehr als 270 Fahrzeuge bei politisch motivierten Brandstiftungen beschädigt worden.

In der Morgenpost heißt es etwas vorsichtiger:

Mehr als 270 Fahrzeuge sind in diesem Jahr bereits angezündet worden. Täglich kommen neue Wrack-Meldungen hinzu. Mutmaßlich sollen es Täter aus der linken Szene sein, die für die Schäden verantwortlich sind.

Die spannende Frage ist nun, welche Kriterien dazu führen, dass ein brennendes Auto von der Polizei als politische Gewalttat gewertet wird. Die räumliche Nähe zu linken Kiezen? Bekennerschreiben? Festgenommene Brandstifter? Gab es tatsächlich 81 Brandstiftungen im letzten Jahr bei denen das so klar zuordenbar war? Oder ist die Zuordnung so willkührlich, wie die der B.Z., die entgegen der Faktenlage, jedes abgebrannte Auto des Jahres 2009 der linken Szene zuschlägt?

Auf Grund der Tatumstände und der weitgefächerten Begründungszusammenhänge ist somit nicht von einem geschlossenen Täterkreis auszugehen. Neben der möglichen Vielfalt der Täter aus der linksextremistischen Szene werden Brandanschläge vermutlich auch von „Trittbrettfahrern“ verübt.

Mit anderen Worten, sie haben einfach keine Ahnung, wer das ist. Und eine Täterschaft von Linken kann auch nur vermutet werden.
Nur zur Erinnerung:
Bisher wurden 2009 16 Menschen im Zusammenhang mit Brandstiftungen festgenommen. Es gab bis jetzt eine Verurteilung eines Mannes, der nachweislich keinen politischen Hintergrund hatte. Die bisherigen Verfahren gegen linke AktivistInnen endeten mit Freisprüchen oder stehen kurz vor dem Freispruch.

Die Täter:

Betrachtet man die Wohnortverteilung der in Berlin wohnenden Tatverdächtigen zeigt sich, dass die meisten der 591 ermittelten Berliner Tatverdächtigen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wohnen (28 %). In einigem Abstand folgen die Bezirke Neukölln (20 %) und Pankow (17 %).

Der Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2008 ging noch von 2200 Linksextremisten in Berlin aus, davon 1100 gewaltbereite. Das heißt ein Viertel der Berliner Linksextremisten ist von der Polizei in den letzten 5 Jahren in Zusammenhang mit Straftaten gebracht worden. Wieviele für irgendwelche Delikte verurteilt wurden, findet hier keine Erwähnung. Das bedeutet, 1609 Linksextremisten, davon 409 gewaltbereite sind in keiner Weise durch Gewalt aufgefallen. Was macht einen denn zu einem gewaltbereiten Linksextremisten, wenn nicht Gewalt? Indymedia-Beiträge? Drohbebährden? Verurteilte Gewalttäter auf Demos grüßen?

Im Zusammenhang der Wohnorte findet sich dieser tolle Satz:

Dagegen ist Prenzlauer Berg als Wohnort von Linksextremisten nicht in dem Ausmaß betroffen wie als Tat- und Wohnort linker Gewalttäter.

In Pberg wohnen also wenige dafür aber umso krassere Linksextremisten. Das ist ja noch nachvollziehbarer. Völlig ratlos steht man dann nur vor dieser Grafik. Wo sind denn plötzlich die ganzen Linken Täter im Bereich 10435, 10437 und 10439 hin?
Schnell weggezogen nach der ersten Grafik?

Im Bereicht „Opfer“ erklärt dann der VS, warum Gewalt gegen Neonazis abzulehnen ist. Nicht etwa weil, dabei Menschen verletzt werden oder sowas. Das ist egal:

Antifaschistische Gewalt: Im Verständnis der gewaltorientierten Antifa ist der Faschismus direkter Ausfluss der Verfasstheit des freiheitlich demokratischen Staatswesens. Der Kampf „gegen rechts“ ist somit gleichzeitig ein Angriff auf den demokratischen Verfassungsstaat.

Auch der Fall „Matti“ liegt dem VS noch schwer im Magen:

Ein weiterer Indikator für die teilweise enthemmten Angriffe gegen die politischen „Feinde“ ist, dass die beiden Fälle, in denen wegen versuchten Totschlags ermittelt wurde, in den Bereich der „links-rechts“-Auseinandersetzungen fielen. In einem Fall wurde der Tatverdächtige zwar freigesprochen – eines der Opfer wurde aber durch eine Kopfplatzwunde schwer verletzt.

Tja, der Tatverdächtige, also Matti, ist also weiter Teil der Statistik, schließlich ist er ein Verdächtiger. Ausserdem wars ja auch eine „schwere Verletzung“. Dass er für die Tat freigesprochen wurde, ist da für den VS irrelevant. So können wunderbar Leute in die Statistik integriert werden, die gerichtsfest nichts mit Taten zu tun haben. Und die Zahlen gehen wieder ein bisschen nach oben.

Danke VS.


12 Antworten auf „Der VS-Bericht – Beitrag 2“


  1. 1 atzepeng 26. November 2009 um 20:32 Uhr

    herrlich…
    danke für die mühen das ding ma argumentatorisch auseinanderzunehmen, echt haaresträubend was die alles unternehmen um da ne abstrakte gefahr für „unsere demokratie“ herbeizureden

    hoffe du machst noch weiter damit

  2. 2 shlomo 27. November 2009 um 0:14 Uhr

    „Dagegen ist Prenzlauer Berg als Wohnort von Linksextremisten nicht in dem Ausmaß betroffen wie als Tat- und Wohnort linker Gewalttäter.“

    da musste ich erstmal ein wenig drüber nachdenken, um zu verstehen, was die schlapphüte damit meinen könnten. aber meinen die vielleicht „rechte“ gewalttäter, statt linker? ist aber auch nur spekulation, weil ich nicht weiß, in welchem zusammenhang der satz fällt.

  3. 3 bauhaustapete 27. November 2009 um 0:54 Uhr

    Der Zusammenhang des Satzes macht ihn auch nicht klarer:

    2.5.2 Wohnorte aktionsorientierter Linksextremisten
    Der Vergleich der Wohnorte von aktionsorientierten Linksextremisten mit den Räumen linker Gewalttaten zeigt in beiden Fällen deutliche Schwerpunkte in Teilen von Kreuzberg und von Friedrichshain. Dagegen ist Prenzlauer Berg als Wohnort von Linksextremisten nicht in dem Ausmaß betroffen wie als Tat- und Wohnort linker Gewalttäter.“

    Eine Erklärung wäre noch, dass es eine große Zahl von linken, aber nicht extremistischen, Gewalttätern in Pberg gibt. Ähm, nee. Macht auch keinen Sinn.

  4. 4 egal 27. November 2009 um 5:00 Uhr

    find deine bemühungen ja wirklich gut, aber dieses rumgelaber bei brandstiftungen geht mir schon länger auf die nerven – und nun auch bei dir.
    man muß weder vom vs noch besonders böse sein, um festzustellen, das brandanschläge auf teure autos und firmenwagen mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit von sich selbst als links verstehenden menschen verübt werden. sicher gibts auch ein paar trittbrettfahrer, sicher auch ein paar versicherungsbetrüger, aber das fällt wohl nicht ins gewicht. viel spannender ist, das gezielte brandanschläge auf teure autos sogar von vielen in der bevölkerung mit einem gewissen schmunzeln wahrgenommen werden – egal was bz oder vs erzählen. ob das ganze so sinnvoll ist und ob die radikale linke in belin stark genug ist mit der immer absurderen repression der unter zugzwang stehenden bullen klarzukommen, ist die andere frage. aber so zu tun, als wäre total unklar wer da zündelt bringt nun wirklich niemanden weiter, oder?

  5. 5 bauhaustapete 27. November 2009 um 13:19 Uhr

    @egal:
    Ich dachte, ich hätte mich oben da klar ausgedrückt. Ich hab grad nochmal drüber gelesen und festgestellt, dass ich das etwas schwammig formuliert habe. An einer Stelle müsste es nicht „Mit anderen Worten, sie haben einfach keine Ahnung, wer das ist.“ sondern „Mit anderen Worten, sie haben einfach keine Beweise, wer das ist.“ Eine Ahnung haben sie schon, und ich befürchte, dass diese „Ahnung“ hier zu Fakten gemacht wird.

    Ansonsten verstehst du, glaube ich, die Stoßrichtung des Beitrags falsch. Es geht hier um eine Bewertung des VS-Berichts und der dem zugrunde liegenden Fakten. Und da ist die Frage nicht, ob der VS glaubt, das es Linke waren, sondern ob sie Beweise dafür haben.

    Eine Bewertung der Autoanzünderei, meiner Schätzung, welcher Prozentsatz davon von Linken verübt wird und meine Einschätzung, ob das politisch sinnvoll ist, hab ich mir bewusst gespart.

  6. 6 Fehlerfuchs 28. November 2009 um 22:00 Uhr

    Hallo, kannst Du die Verlinkung von .de in .com ändern?
    Danke und beste Grüße

  7. 7 bauhaustapete 28. November 2009 um 23:26 Uhr

    Klaro.

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